Samstag, 2. Dezember 2017

Anspruchsdenken

Matthias Sammer war enttäuscht vom HSV. Fast schon sauer auf den HSV, eben den HSV, den er vor Jahren mal am Nasenring durch die Arena führte, als er Sportchef werden sollte. Auch wenn das olle Kamellen sind, sehe ich Sammer seither noch kritischer, als ich es ob seines einnehmenden Wesens ohnehin schon getan habe. Umso höher kann man es bewerten (wenn man denn will), dass ich Sammers Auftreten bei Eurosport im Verbund mit Jan Henkel für das Beste halte, was uns TV-Deutschland momentan in Sachen Fußball zu bieten hat.

Gestern also war der Sammer fast so sauer wie einst als seine Verpflichtung beim HSV als perfekt galt, bevor er zugestimmt hat. Diesmal war der Grund der fußballerische, teilweise antifußballerische Auftritt des HSV in Freiburg.
Unverständlich sei gewesen, dass eine Mannschaft, die einen Lauf hat die Bälle bei eigenem Abstoß so herschenkt, um über die Lotterie des zweiten Balles wieder in dessen Besitz zu kommen und so dem Zufall den Spielaufbau überlässt.

Zugegeben, schön anzusehen war das Spiel des HSV über weite Teile gerade der zweiten Halbzeit nicht und die fachlichen Analysen des Herrn S. trafen einmal mehr ins Schwarze und trotzdem maße ich mir an, die Aussagen des TV-Experten zu hinterfragen.
Einen Lauf attestiert Sammer dem HSV und begeht damit meiner Meinung nach einen grundlegenden Fehler, schließlich waren die Rothosen vor dem Freiburgspiel auswärts fünf Spiele lang nicht nur sieg- sondern punktlos. Aus den letzten elf Spielen holte der HSV gerade einmal sieben Punkte. Ist das ein Lauf?
Natürlich nicht. Wenn überhaupt kann man dem HSV bescheinigen allmählich an die Heimstärke der letzten Rückrunde anzuknüpfen.

Augenscheinlich war der ehemalige Feuerkopf vom Auftritt des HSV gegen Hoffenheim derart begeistert, dass er erwartete man würde die Freiburger mal eben schnell aus deren eigenem Stadion fegen. Auf jeden Fall hat Sammer nicht berücksichtigt, dass der HSV gerade dabei ist ein Spielsystem zu adaptieren und dabei großen Schwankungen unterliegt, da dieses nicht an jedem Tag auf jeden Gegner passt. Die Umstellung von einer auf zwei Spitzen von Dreier-auf Viererkette (oder umgekehrt), die während eines funktionierenden Spiels zu bestaunen war, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Umstellung hin zu mehr Kreativität und Angriffskraft ungleich schwerer ist.
Zumindest scheint Markus Gisdol dies so zu sehen und wechselte in einer Phase, da im Spiel nach vorn nichts laufen wollte defensiv. Den Wechsel Walace für Hunt habe ich als Angst vor der eigenen Courage empfunden, hatte Gisdol doch mit Ito einen Spieler auf der Bank, der wesentlich belebender für das Spiel als der dritte Sechser gewesen wäre.

Aber warum kritisiere ich die sammersche Herangehensweise an das gestrige Spiel?
Ganz einfach. Wir HSVer werden immer wieder mit unseren überzogenen Ansprüchen konfrontiert, sind nach jedem Sieg schon fast in Europa und nach zwei Siegen auf dem Weg zur Meisterschaft.
Zugegeben es hat ein paar Jahre gedauert, bis die bittere Kost des Abstiegskampfes in den Köpfen der HSVer angekommen  ist, doch nach der zweiten Relegation und dem Scheitern von Dietmar Beiersdorfer weiß doch jeder im Volkspark (ausgenommen dem handelsüblichen Anteil an Spinnern), dass es im Moment nur darum gehen kann, die Abstiegsplätze möglichst schnell, möglichst weit hinter sich zu lassen. Wenn dabei endlich einmal(!) das Einbauen von Talenten, die zum Teil auch noch aus dem eigenen Nachwuchs kommen, gelingt, ist das unser Europapokal.
In diesem Moment der Erdung, stellt sich Sammer auf Grund eines (zugegebener Weise starken) Spiels hin und erwartet große Ding vom HSV, die dieser noch (?) nicht zu leisten im Stande ist und bringt sein Missfallen über eben dieses Nichtleisten zum Ausdruck.

Das sind diese überzogenen Erwartungshaltungen, die uns HSVern immer vorgeworfen werden und eben das wollte ich nicht unkommentiert stehen lassen.
Ich halte es lieber mit den Spielern, die im Interview an die ertragslosen besseren Auswärtsauftritte der letzten Monate erinnerten und den etwas glücklichen Punkt halbwegs zufrieden mitnehmen.

PS: Jetzt kommen zwei Heimspiele
Nur der HSV

1 Kommentar:

  1. Kann deine Ansicht nachvollziehen. Ich finde aber das Sammer durchaus das recht hat, etwas mehr Spielkultur zu erwarten. Genauso wie wir Fans. Das man hinten dicht macht ist ja das eine, dass man aber nach vorne dann alles verweigert (in HZ2) ist schon harte Kost. Ich habe mich aber nicht beschwert, da es diese Saison eigentlich das erste Spiel war, was wir so gespielt haben. Und am Ende zählen Punkte. Gisdol hat für mich mit Walace gut gewechselt. Ich hätte Schipplock noch früher gebracht. Da der lange Abschlag zusehend nicht bei uns gelandet ist. Was aber klar ist wenn vorne nur ein 17 jähriger steht und ein kleiner Wood. Keine Kritik ab die beiden.

    Am Ende war die Aufgabe. 6 Punkte Spiel nicht verlieren bzw gewinnen. Zu gewinnen haben wir versucht 1HZ lang. Dann hat Gisdol gemerkt das hier nix mehr geht und hat für mich überraschend, den Laden dicht gemacht. Ich finde das völlig legitim und auch gut von Gisdol. Wir werden auswärts nur gute Spiele zeigen können wenn wir Selbstvertrauen haben. Das bekommt man nur durch Spiele in denen man Punktet und an seine Stärken glaubt.

    PS. Zu den gelobten Freiburgern muss ich sagen, dass mich das sehr an die Saison vor 2 Jahren erinnert. Als alle damals sagten das Freiburg so guten Fußball gespielt hat und eigentlich wir verdient hätten abzusteigen. Freiburg hat damals immer Gegentore in den letzten Minuten bekommen. Und auch diese Saison sind sind sie Spitze in späten Gegentoren. Ich bin schon gespannt wie es Endet. Und weiß jetzt schon wer es wieder mehr hätte verdient.

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