Sonntag, 21. Mai 2017

Tick Tack

Vorab als Info an die, die sich Sorgen machen, dass ich mich bei diesem schönen Wetter verkrieche um über den HSV zu schreiben: Ich sitze auf der Terrasse und genieße Familie, Wetter und die Sommerpause in der Bundesliga, nachdem ich den gestrigen Abend mit tollen (Fußball) Menschen aus mehreren Vereinen verleben durfte.

Einmal mehr war ich gestern total erschlagen, als in der 88. Minute der Siegtreffer (und natürlich nicht der Ausgleich, danke Tanja und Kai) fiel und kurz darauf abgepfiffen wurde. Dem Jubel und dem Herausschreien der Erleichterung folgten einige Minuten der Erschöpfung, des Kopfschüttelns und des Begreifens, dass auch diese Saison ihr Ende gefunden hat.
Vorausgegangen ist ein Spiel, das als Spiegelbild der Saison herhalten konnte. Das erste Drittel des Spiels wurde vom Gegner dominiert, der technisch, läuferisch und auch kämpferisch derartig überlegen war, dass ich mich schon fragte, ob ich mir die Relegation denn im Stadion antun sollte.
Man merkte auch auf der Nordtribüne, wie es jedem einzelnen schwer und immer schwerer gefallen ist den HSV zu unterstützen. Das Herz wollte, doch das was die Augen zu sehen bekamen blockierte Stimme und Hände, blockierte den Support.

Dann aus dem absoluten Nichts, natürlich auf Grund eines Fehlers im Wolfsburger Aufbauspiel fiel der Ausgleich und der Glaube, dass wir die Klasse halten weil „ist eben so“ kam zurück und im gleichen Maße nahm die Überlegenheit des Gegners ab, der zwar immer noch das bessere Team war, aber halt nicht ganz so überlegen wie zu Beginn des Spiels. Gegen Ende kam es wie so oft in engen Situationen des Sports auf den Willen, die Entschlossenheit an und zu wessen Gunsten dieses Pendel letztlich ausschlug kann man am Endergebnis ablesen.
Ich war auf Schalke im Gästeblock, als Lasogga getroffen hat und jetzt beim Tor von Waldschmidt auf der Nord und ich kann nur sagen, dass die Emotionen, die dort frei wurden jeden Platzsturm dieser Welt rechtfertigten, zumal wenn dieser so friedlich und authentisch wie gestern abläuft.



Wer mich kennt, liest und hört weiß, dass mir die Versäumnisse der letzen Jahre durchaus bewusst sind und sich meine Hoffnung, dass der Verein aus den Fehlern der Vergangenheit lernt auf ein Minimum reduziert haben, auch stimme ich der These zu, dass der HSV den Abstieg längst verdient hat, doch ich bin auch der Meinung, dass wir der (ersten) Liga wesentlich mehr zu geben haben, als so manch ein anderer Verein.
Das mag man mir als Arroganz auslegen, ist aber nichts desto trotz meine Meinung.
In diesem Sinne

Nur der HSV!

Samstag, 15. April 2017

Neulich, vor zwei Jahren

Genau zwei Jahre ist es her, dass der HSV in höchster Not Bruno Labbadia als Trainer verpflichtet hat, nachdem die Experimente mit Joe Zinnbauer und Peter Knäbel gescheitert waren.
Auf Platz 18 hat Labbadia den HSV damals vorgefunden, von einem Mannschaftsgefüge konnte nicht die Rede sein dafür hat nicht zuletzt Interimstrainer Knäbel mit seinen unmöglichen Aussagen nach den Spielen gesorgt.

Keinen Pfifferling hätte ich seiner Zeit auf den Klassenerhalt gesetzt, doch Labbadia erreichte die Spieler und schaffte es eine Zweckgemeinschaft auf Zeit zu formen. Das Happy End in Karlsruhe muss ich hier nicht schildern, denn daran hat wohl jeder HSV-Fan  seine ganz persönliche Erinnerung.

Tomorrow my friend, tomorrow geht es wie im ersten Spiel unter Bruno nach Brähmen, natürlich unter wesentlich besseren, da entspannteren Vorzeichen. Ein Derbysieg käme fast schon dem Klassenerhalt gleich und selbst bei einer Niederlage –also nicht, dass ich daran einen Gedanken verschwenden würde- hielte sich der tabellarische Schaden in Grenzen.
Daran, dass wir am Ostersonntag dieses  Derby und nicht irgendein Stadtderby spielen dürfen hat Bruno Labbadia einen großen Anteil und auch wenn sein Abschied vor einem halben Jahr folgerichtig und notwendig war, hat sich Labbadia einen Platz im Vereinsolymp und in meinem Herzen verdient.

Ich schreibe diese Zeilen auf Grund einer abfälligen Bemerkung über Labbadia die ich auf Facebook gefunden habe und möchte bei allen HSV-Fans etwas Bodenhaftung einfordern.
Lasst uns nicht wieder den Fehler begehen zu vergessen wo wir herkommen und dass wir uns noch lange nicht wieder zurücklehnen dürfen.
Die neue Vereinsführung lebt dieses neue Selbstverständnis nahezu perfekt vor und ich gehe ihren Weg zu hundert Prozent geerdet mit. Ohne allerdings dabei die Helden von vor zwei Jahren zu vergessen…

Auf zum Derbysieg
Nur der HSV

Samstag, 19. November 2016

Hilke und der HSV

Zwischen den Schlagzeilen „Der Hilkeabgang stürzt den HSV endgültig ins Chaos“ und „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“ ist viel Interpretationsspielraum und diesen will ich hier -natürlich absolut subjektiv- nutzen.
Ich würde lügen, wenn ich schreibe, dass ich die Entscheidung Hilkes den HSV zum Jahresende zu verlassen bedauern würde.
Im Gegenteil. Ich halte Joachim Hilke für einen der Architekten des Chaos, das im HSV herrscht.

Vorab möchte ich klarstellen, dass ich mir nicht anmaße die eigentliche Arbeit Hilkes als Marketingchef und später als Marketingvorstand zu bewerten, schließlich muss man sehen, dass der HSV trotz der anhaltenden sportlichen Talfahrt zumindest in Sachen Umsatz noch zu den Schwergewichten im deutschen Fußball gehört. Die einen sagen wegen, die anderen trotz Hilke.
Auf hsv.de bewertet Aufsichtsratschef Karl Gernandt die Arbeit so:
„Unter Joachim Hilke haben wir den kommerziellen Bereich im HSV neu aufgestellt und es sind wichtige Projekte auf den Weg gebracht worden. Hierzu zählen insbesondere die HSV Campus-Entwicklung am Volkspark, die Einführung neuer profitabler Geschäftsfelder sowie die Internationalisierungsstrategie, die bereits mit interessanten Abschlüssen umgesetzt werden konnte.“
Dies mag jeder so beurteilen wie er will.

Dass Fly Emirates nach wie vor der Trikotsponsor des HSV ist mag auch am Standort Hamburg liegen, betrachtet man das weitere Engagement der Airline, darf man dies aber auch nicht als Selbstverständlichkeit betrachten und Joachim Hilke wird seinen Anteil daran haben.
Sonst bleibt von Hilke der bei den Fans auch heute noch umstrittene Wechsel des Bierpartners von Holsten zu König Pilsener (Carlsberg zu Bittburger Brauerei) in Erinnerung, was für viele ein Sinnbild des Wechsels von Traditions- zu Profitdenken war bzw. ist.
Ich hatte vor eineinhalb Jahren auf einem Fanclubtreffen (auf der auch folgendes Foto entstanden ist) die Möglichkeit mir diese Entscheidung von Joachim Hilke erklären zu lassen und kann nur sagen, dass sie –so wie es Hilke darstellte- für mich absolut nachvollziehbar ist.



Halten wir also fest, dass es für das Wirken eines Marketingchefs bestimmt leichtere Zeiten hätte geben könnte, als sie Hilke vorgefunden hat, was uns zur Frage führt, wie weit er diese mitverschuldet hat.
Dies führt mich in den Sommer 2012 zurück, als Frank Arnesen den Abgang von Guerrero, Petric und Co aus Geldmangel mit den Chelsea-Boys kompensieren musste und gegen seinen Willen mit Rafael van der Vaart einen Spieler in den Kader bekam, der nach den mäßig erfolgreichen Stationen Madrid und Tottenham von Klaus Michael Kühne per Darlehen finanziert zum HSV zurück geholt wurde.
Eine Entscheidung, die nicht nur Arnesen demontierte und seinen Abgang zur Folge hatte, sondern die auch die Stellung des Geldes über die des sportlichen Sachverstandes stellte und so zur Spaltung des Vereins beitrug.
Damals hat Joachim Hilke die Verhandlungen für den HSV (für Kühne) geführt.
Nach der Ausgliederung des Vereins im Jahr 2014 wurde Hilke nicht entlassen, sondern vom Aufsichtsrat (Vorsitz Gernandt)  in den Vorstand berufen. Hier einen Zusammenhang zu sehen ist wohl mehr als eine Verschwörungstheorie.

Klarstellen möchte ich jedoch, dass ich Joachim Hilke nicht unterstelle andere, oder eigene Interessen über die des HSV gestellt zu haben, nur hat er halt auf das falsche Pferd gesetzt und dadurch Spaltung und Misstrauen im Verein gefördert.
An anderer Stelle wäre er dafür jedoch beurlaubt und nicht befördert worden.

Lassen wir also die Vergangenheit hinter uns und wenden uns der Zukunft zu.
Hilkes Abgang macht einen Platz im Vorstand frei und kann so zur dringend notwendigen Umstrukturierung beitragen.
Meiner Meinung nach muss man den gesamten Vorstand austauschen, wobei ich mit einem Verbleib von Frank Wettstein, dessen Arbeit ich absolut nicht beurteilen kann durchaus leben könnte. Dabei sollte der neue Sportchef, so er denn jemals gefunden wird, einen Vorstandsposten bekommen, um seine Position zu stärken.
Natürlich muss auch der Posten des Vorstandsvorsitzenden neu besetzt werden!
Mehr gescheitert als Dietmar Beiersdorfer geht ja nun mal nicht. Auf eine Begründung dieser These verzichte ich auf Grund ihrer Offensichtlichkeit.

Das eigentliche Dilemma bei der Umstrukturierung des Vorstandes ist jedoch, dass diese vom ebenfalls stak angezählten Aufsichtsrat durchgeführt werden muss. Dabei ist vor allem die Rolle von Karl Gernandt zu hinterfragen, denn der neue Vorstand muss sich klar und deutlich von Klaus Michael Kühne distanzieren, um die eigene Entscheidungshoheit unter Beweis zu stellen.
Es braucht starke Persönlichkeiten im Vorstand, die ein Konzept erstellen und dieses konsequent verfolgen, selbst wenn dieses den Abstieg in dieser Saison zur Folge hätte.
Nein, ich glaube nicht an die heilende Wirkung eines Abstiegs, kenne aber die Auswirkung von konzeptionslosem Aktionismus.

Also ist die entscheidende Frage, ob der Aufsichtsrat ungeachtet der eigenen Zukunft nach den bestmöglichen Personen für den Vorstand Ausschau hält.
Sollte dies nicht der Fall sein muss Jens Meier als Vertreter des Vereins und somit der Aktienmehrheit im Aufsichtsrat handeln. Bleibt dieses Handeln aus sind wir Mitglieder gefragt, wobei unser Handeln schon zu spät erfolgen könnte, denn diese Umstrukturierung des Vorstandes scheint die letzte Patrone im Magazin des HSV zu sein.

Trotzdem und gerade jetzt: Nur der HSV

Montag, 24. Oktober 2016

Gastbeitrag: Der haltlose Sportverein

Nils Husmann (Twitter @husmannismus), Schleswig-Holsteiner HSV-Fan im hessischen Exil brauchte einen Ort um sich seinen Frust von der Leber schreiben zu können. 
Hier ist sein haltloser Sportverein.

Der HSV steckt fest in der Erlöserfalle – und hat dadurch jede Stabilität verloren
HSV-Stürmer Bobby Wood stand nach dem 0:3 gegen Eintracht Frankfurt sichtlich verunsichert auf dem Rasen, als sein Landsmann Timothy Chandler auf ihn zuging und ihm Mut zusprach. Derweil legte Eintracht-Trainer Niko Kovac am Spielfeldrand den Arm um einen HSV-Verantwortlichen und redete auf ihn ein.
Beide Szenen hatten Symbolcharakter. Der HSV hat den Halt verloren und ist bedürftig nach Zuspruch: zwei Punkte nach acht Spieltagen, kaum Torabschlüsse. Der haltlose Sportverein.
Aber woran liegt es, dass dieser Klub immer wieder ins Bodenlose stürzt und die vielen HSVerinnen und HSVer zur Zielscheibe von Hohn und Spott werden lässt?
Der HSV ist in eine Erlöserfalle gelaufen. Nicht erst gestern, nein, er steckt seit Jahren darin fest. Und diese Erlöserfalle macht es unmöglich, konzeptionell, geduldig und selbstbewusst zu arbeiten, weil Erlösung Erwartungen schürt, die dann immer wieder enttäuscht werden und immer neue Unruhe verursachen. Die Bürde, ein Traditionsverein und der „Dino“ zu sein, der noch nie abgestiegen ist, hat den Weg in die Falle bereitet, in die viele Verantwortliche und auch das so genannte Umfeld – viele Fans, einige Medienvertreter – immer wieder gerannt sind.
Warum ist das so? Tradition kann träge und selbstzufrieden machen; Tradition suggeriert, aus sich heraus groß zu sein und in Krisen nur irgendwie wachgeküsst werden zu müssen, damit der verlorene Glanz zurückkehrt. Aber das ist falsch. Ohne harte, konzeptionelle Arbeit glänzt im Profifußball heute niemand mehr.

Wann schnappte die Erlöserfalle zu? Als der frühere Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann 2010, vor über sechs Jahren, das Investorenmodell „Anstoß hoch drei“ vorstellte, tauchte erstmals der Milliardär Klaus-Michael Kühne auf der HSV-Bühne auf. Hoffmann pries das Modell – Kühne gab Geld, der HSV trat einige Transferrechte ab – als „Sechser im Lotto“. Ein klassisches Erlösungsmotiv: Da ist ein Gönner, der Geld gibt, und dann kommt der Erfolg zurück! Interessanterweise argumentierte Kühne seinerzeit selbst, der HSV brauche Konstanz (http://www.zeit.de/sport/2010-08/hsv-kuehne-investorenmodell-siegenthaler). Aber das Gegenteil trat ein. Der Verein kam ins Schlingern, verlor den Halt und hat seitdem nie mehr zurückgefunden zu einer Identität, die für jeden erkennbar wäre.
Einzige Konstante ist seither eben jene Erlösersucht, die den HSV immer instabiler werden ließ. Einige Beispiele:
·       Vereinsinterne Wahlkämpfe um den Aufsichtsrat mit dem Tenor: Liebe Mitglieder, wählt uns, wir bringen Stabilität und Erfolg zurück, wir kennen das Rezept! Das hörten viele Mitglieder – verständlicherweise – gern, übersahen dabei aber die mangelnde Qualifikation vieler Räte. Die Sehnsucht, dass per Wahl nun endlich wieder alles besser werden möge, brachte zudem manchen HSVer ins Amt, dem es eher um Eitelkeiten oder persönliche Abrechnungen ging – und weniger um kompetenten Ratschluss bei der Entwicklung einer Strategie.
·       Frank Arnesen: Der Mann mit dem dicksten Adressbuch in Europa muss doch den Erfolg zurückbringen! Er erbte allerdings auch einen finanziell extrem eingeschränkten Spielraum.
·       Rafael van der Vaart: Mit ihm muss doch der alte Glanz zurückkehren! In Wahrheit band der Transfer Mittel, die andere Klubs längst in intelligente Nachwuchskonzepte oder verbessertes Scouting investierten, und ermöglichte Kühne – übrigens noch zu e.V.-Zeiten! – einen ungeheuren Einfluss. Kühne wurde, ob er das wollte oder nicht, zum steten Quell der Unruhe. Und er polarisierte.
·       HSVPlus, die Ausgliederung und die Rückkehr von Dietmar Beiersdorfer: Schaffen wir zeitgenmäße Strukturen, dann wird der HSV endlich wieder zukunftsfähig! Und Didi kann es doch, das hat er bewiesen! Auch ich habe mich vehement für das Konzept eingesetzt. Aber spätestens dieser Tage wird klar: Erfolg stellt sich nicht ein, indem man auf den Knopf eines Abstimmungsgerätes drückt. Die Möglichkeiten, die durch die Ausgliederung eröffnet wurden, hat der HSV nie auch nur annähernd ausgeschöpft. Auch weil man…
·       der Erlösungsstrahlkraft des schnellen Mammons nicht widerstehen konnte. Vor der laufenden der Saison 2016/17 investierte der HSV, wieder mit Kühnes Hilfe, über 30 Millionen Euro. Kostic, Halilovic! – Das wird spielerisch nun endlich besser, das gibt ein tolles Umschaltspiel! – So habe auch ich es mir im Sommer ausgemalt. Und übersehen, dass man gar nicht den passenden Trainer hatte für diese sich vage andeutende Spielidee; dass andere Akteure des Kaders zu diesem Ansatz nicht passten, wichtige Mannschaftspositionen ungenügend blieben und dass das Offensivspiel schon seit November 2015 erheblich gelitten hatte, ohne dass ein Verantwortlicher das entschieden angesprochen hätte. Wird schon alles irgendwie werden, Geld schießt doch Tore!
·       Erlöserfigur Trainer: Auch das habe ich unter HSVern seit Jahren immer wieder wahrgenommen, diese Sehnsucht nach einem neuen Mann an der Außenlinie, der  zeitgemäße taktische Vorstellungen hat. Ich habe diese Sehnsucht auch oft geteilt. Es ist doch woanders auch so, dass ein neuer Coach kommt – und sofort starten die durch! Leider wollte oder konnte ich nicht sehen, dass Martin Schmidt in Mainz zu einer Kultur passte, die der Verein über Jahre entwickelt hatte. Oder dass Julian Nagelsmann in Hoffenheim an Rangnick und den „frühen Hoffenheimer Gisdol“ anknüpfen konnte, deren Ideen im Nachwuchs noch überdauert hatten. Nagelsmann sagte der FAZ neulich übrigens, Taktik mache 35, vielleicht 40 Prozent des Erfolges aus; der Rest sei Teamführung (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/tsg-1899-hoffenheim-trainer-julian-nagelsmann-im-interview-14472697-p3.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3). Jeder mag sich selbst fragen, wie es um die Teamfähigkeit im HSV bestellt ist, wenn der Aufsichtsratsvorsitzende eine sichtbar haltlose Truppe in die alleinige Verantwortung nimmt. Kurzum: Wo Trainer Erfolge feiern, konnten sie entweder – ausgestattet mit Geduld und Vertrauen – selbst stilbildend wirken (Klopp in Dortmund, Weinzierl in Augsburg) oder an eine Idee anknüpfen, die schon vor ihnen existierte. Der HSV hat weder Geduld noch eine Idee, sondern nur eine verunsicherte Mannschaft zu bieten, die seit Jahren Halt sucht, den sie, wenn man ehrlich ist, schon in der vergangenen Rückrunde ab und an wieder verloren hatte. Bruno Labbadia – auch so einer Erlöserfigur (einmal hat er uns ja auch wirklich erlöst) hat leider auf all seinen Stationen bewiesen, dass er zwar schnellen Erfolg garantieren, aber kaum eine dauerhafte Spielidee entwickeln kann.

Die Liste mit Erlösungsmotiven ließe sich sicher noch fortsetzen. Aber wichtig ist mir das Muster: Wo harte Arbeit, Auseinandersetzung um den richtigen Weg, detailreiche Konzepte, Mut, Geduld, Zusammenhalt und Vertrauen gefragt wären, erlag der HSV – vor und nach der Ausgliederung - immer wieder der Versuchung, dass die guten Zeiten schon wiederkehren, wenn man nur den einen richtigen Knopf drückte. Der HSV wirkt durch diese Hoffnung getrieben und lässt sich treiben; gerade die Sehnsucht nach schneller Erlösung bedingte eine schlimme Konturlosigkeit macht ihn heute zur tragischen Witzfigur, für die viele nur noch Mitleid oder Häme empfinden.

Was kann daraus folgen? Es gibt keine Gründe mehr, Dietmar Beiersdorfer – selbst der Versuchung erlegen, uns als der bessere Sportchef von allem Unbill erlösen – noch eine Zukunft beim HSV zuzugestehen, in der er ohne Sportchef auskommt (dass er über 2018 hinaus im Amt bleiben kann, scheint ohnehin kaum noch vorstellbar). Veränderungen liegen in der Luft. Wieder lese ich Namen, die im Amt des Sportchefs schnelle – na, was wohl! – Erlösung versprechen. Für manche ist das Hrubesch, für andere Hoogma. Andere hoffen auf die große Lösung am Spielfeldrand, es bräuchte ja auch schon fast den Punkteschnitt, den Villas-Boas bei seinen bisherigen Stationen erreichte, um den HSV in der Liga zu halten.

Ich glaube aber, wenn nun wieder alles allein über Namen geregelt werden soll, wird es endgültig schiefgehen. Es muss, endlich, um Ideen und Konzepte gehen, die aus dem HSV selbst heraus wachsen und Halt bieten. Und sofern man einen Abstieg wirtschaftlich überhaupt verkraften kann, muss das notfalls auch in der 2. Bundesliga passieren, auf die man ja munter zusteuert. Neidvoll-anerkennend blicke ich auf den kommenden Ligagegner aus Köln und darauf, was dort entstanden ist. Und mit Blick Richtung Leipzig sieht man, dass Geld zwar hilft – besonders gut aber offenbar an Orten, an die es für eine Spielidee, für ein schlüssiges Konzept eingesetzt wird.
Es kann nicht mehr um schnelle Erlösung gehen, so nachvollziehbar der Wunsch danach ist. Es geht um Arbeit, wohl auch um das glückliche Händchen, nun ein, zwei (Gisdol ist ja schon da) richtige Köpfe zu finden.


Samstag, 22. Oktober 2016

Hilflos - Ratlos - Fassungslos

Gestern nach dem Abpfiff von Gisdols Heimpremiere stand ich auf der Nord und blickte in die ausdruckslosen Gesichter der HSV-Spieler.
Ja, ich konnte sie sehen, da ich einer der wenigen war die sich nicht weggedreht haben, als die Spieler ihren traurigen Gang in die Kurve antraten. Auch meinen Mittelfinger ließ ich mit dem Rest der Hand zur Faust geballt in der Hosentasche. Den Blick leer auf die Szene gerichtet, die sich 30 Meter von mir entfernt abspielte.
Wie geprügelte Hunde schlich sich die Mannschaft in die Kurve und einen trostlosen Augenblick später in Richtung Kabine. Rat- und hilflos ob der gezeigten Leistung, des erneute Versagens.

Ebenso rat- und hilflos wirkte die Mannschaft während der vorangegangenen 90 Minuten auf dem Spielfeld. Einmal mehr gelang kein gefährlicher Schuss auf des Gegners Tor und der einzige Treffer war bezeichnender Weise ein Eigentor. Auch wenn ich den Spielern das Engagement nicht absprechen will, war ihr Tun doch unkoordiniert und verpuffte deshalb. Dabei brauchten die Frankfurter bei weitem nicht an ihre Leistungsgrenze zu gehen.

Mittlerweile sollte eigentlich auch dem Letzten (nennen wir ihn Beiersdorfer) klar geworden sein, dass es nicht reicht ein paar Spieler oder einen Trainer auszutauschen um den leckgeschlagenen Tanker mit der Raute wieder flott zu bekommen. Bis heute hat man es nicht geschafft aus Stadt, Verein und Umfeld eine Einheit zu formen und das spiegelt sich halt auf dem Platz wieder.
In Hamburg ist jedem klar, dass Beiersdorfer gescheitert ist, aber kaum jemand spricht es aus, weil auch keiner weiß wie es nach Didi weitergehen soll. Man würde es sich auch zu einfach machen, wenn man den als Vorstandsvorsitzenden hoffnungslos überforderten Beiersdorfer als Alleinschuldigen für die Misere des HSV hinstellen würde, auch wenn dieser das (blasse) Gesicht der HSV-AG ist.
In den letzten zweieinhalb Jahren ist das Konstrukt HSV durch die Abhängigkeit vom Geld Kühnes so unübersichtlich geworden, dass es von außen unmöglich scheint ein Sanierungskonzept zu erstellen. Schlimm ist, dass im Verein (der AG) anscheinend auch niemand ist, der dieses Mammutprojekt entschlossen angehen will, oder kann.

So wird es wohl oder übel darauf hinaus laufen, dass sich nichts Entscheidendes ändert, dass die Mannschaft sich irgendwie zur Relegation oder zu Platz 14 würgt, dass der Absatz von #pinkschockt Trikots und „unabsteigbar“ T-Shirts floriert und dass „die da oben“ ob mit oder ohne Didi weiter vor sich hin dilettieren bis der HSV so an die Wand gefahren, dass man die Überreste dort abkratzen muss.
Gestern Abend wünschte ich mir, dass dieser Prozess möglichst schnell gehen möge.

Ein Wort noch zu den Ausgliederungsgegnern, die meinen, dass es mit der alten Vereinsstruktur auch nicht schlechter hätte laufen können.
Ja, ihr habt recht, aber durch die Ausgliederung 2014 hat man sich zumindest die Chance gewählt etwas zu verbessern. Dass man bei der Umsetzung derart versagen würde war zumindest für mich nicht zu erahnen.

Sonntag, 18. September 2016

Hals

Ich hab nen Hals.
Okay, das ist nichts besonderes, doch meiner ist so dick an- oder aufgefüllt mit Worten, dass die Gefahr besteht daran zu ersticken wenn ich sie nicht raus lasse. Natürlich geht es dabei mal wieder um meinen HSV, um die sportliche Leistung, die wirtschaftliche Abhängigkeit und das Auftreten auf und neben dem Platz.

Wie hier mehrfach geschrieben, habe ich vor gut zwei Jahren die Initiative HSVPlus aus voller Überzeugung gewählt und habe auch hier im Blog versucht meine Überzeugung darzulegen. Bis vor kurzem war ich auch fest davon überzeugt richtig gehandelt zu haben, richtig im Sinne des Vereins.
Dies allerdings mehr und mehr aus der Erinnerung an die Alternativlosigkeit des Sommer 2014, die aus meiner Sicht bestand. Ein „Weiter so“ hätte zum Kollaps geführt, davon bin ich nach wie vor überzeugt, ob zuerst sportlich, oder wirtschaftlich ist dabei egal.

Ich wurde seiner Zeit im Sinne von „Du glaubst doch nicht, dass nach der Ausgliederung noch jemanden die Versprechen von HSVPlus interessieren“ als naiv bezeichnet.
Heute muss ich sagen, ja ich war naiv, denn das auf die (für mich) wesentlichen Punkte des Ausgliederungsplans derartig geschi…pfiffen würde hab ich in keinster Weiser für möglich gehalten.
Jetzt wird als Erfolg gefeiert, wenn man sich von einer Abhängigkeit in die nächste begibt, es wird wie selbstverständlich über die Verhältnisse gelebt man bezahlt das Gehalt für Spieler, die das Trikot der Konkurrenz tragen und hat sich in eine Zwickmühle begeben, aus der man nicht wieder raus kommen kann.

Die Trainerzwickmühle:
Herr Kühne sagte sinngemäß, dass der Kader gut genug für Platz 6-8 sei und man sehen müsse, ob der Trainer dies umsetzen könne.
Diese Aussage wird zwar von vielen Fans geteilt, ist für den HSV jedoch so sinnvoll wie der sprichwörtliche Kropf. Beurteilen wir die zweite Halbzeit des gestrigen Spiels nüchtern, kommt es einer Verharmlosung gleich, wenn man sie als Bankrotterklärung bezeichnet. Schon die Schlussphasen gegen Ingolstadt und Leverkusen waren desolat und es fällt wirklich schwer dem Trainer nicht die Schuld dafür zu geben.
Doch würde der HSV jetzt reagieren, hieße es gleich, dass er nur die Anweisungen des Herrn K. umsetzen würde. Ein Grund um an Labbadia festzuhalten?
Der Vorstand um Dietmar Beiersdorfer hat sich in den letzten zwei Jahren selbst die Schnüre um Hände und Füße gebunden, um zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung als Marionette durch die Manege geführt zu werden.

Am gestrigen Auftritt hat mich am meisten gestört, dass man sich nicht gewehrt hat. Die Leipziger haben nach jeder Entscheidung gegen sie protestiert und das waren beileibe nicht viele. Nicht nur die Spieler waren dabei aktiv, sonder auch die Bank. Beim HSV nahm man die vielen zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen fast schon devot hin.
Ein Völler oder Sammer hätte einen Veitstanz um Bibiana Steinbach aufgeführt, sich Robert Kampka zur Brust genommen, oder Stadionverbote ausgesprochen. Labbadia stand an der Seitenlinie und hielt den Mund, ein Sportchef konnte mangels Masse nicht einschreiten und auch Didi B. blieb wo er war.

Grausam war auch wieder die Wechselei von Labbadia. Bis er auf das 0:1 reagiert hat stand es schon fast 0:2 und 6 Minuten nach dem 0:3 braucht man keinen Doppelwechsel mehr auszuführen, auch wenn ich mich für Luca Waldschmidt gefreut habe, der so zu seinem Debut gekommen ist.
Labbadia wirkt auf mich zögerlich bis zaudernd, fast als wäre ihm der Druck zu viel, aber vielleicht interpretiere ich da auch mehr rein, als dort ist.
Eine positive Entwicklung spielerischer Natur ist jedenfalls für mich nicht zu erkennen, auch wenn mir ein Douglas Santos bei seinem ersten Auftritt durchaus gefallen hat.

Bleibt noch das Drumherum um diesen ersten Auftritt des Brauseclubs im Volkspark.
Leute die Eier auf Familien, die sich auf dem Weg ins Stadion befinden werfen will ich nicht im Stadion und schon gar nicht mit „meiner“ Raute auf der Brust sehen. Ich schäme mich dafür.
Ach so, sollte jemand von den Herren Ultras des Stimmungsblocks hier mitlesen, dann möchte ich ihm sagen, dass wenn unsere Unterstützung auch nur zu einem Prozent Leistungssteigerung führen sollte, habt ihr das in der zweiten Halbzeit verhindert. Neue Lieder einzuführen ist nicht leicht, aber fast eine Halbzeit irgendwas zu singen, was keine Sau kennt hat mit Stimmungsmache aber mal gar nichts zu tun. Ich stehe ca 30m vom Vorsänger entfernt und konnte die Leipziger deutlich besser hören als euch. Glückwunsch!

Glückwunsch auch den Leipzigern zum ersten Auswärtssieg, der Dank des Mangels an Einstellung des HSV in der zweiten Halbzeit gleich doppelt historisch wurde.

Ich werde mir jetzt dieses Spiel noch mal im TV geben um meine Eindrücke bis zum morgigen HSVTalk auf eine etwas neutralere Ebene zu stellen.
Euch auch einen schönen Sonntag.




Mittwoch, 30. März 2016

Vor Hannover

Gestern kursierte eine Aussage von Peter Knäbel im Netz. Im Abendblatt wird er in folgender Weise zitiert:
 "Es ist für uns mit diesem Kader absolut möglich, von den ausstehenden sieben Spielen fünf zu gewinnen. Wir können fast jede Mannschaft in der Liga schlagen und die zwei Ausnahmeteams Bayern und Dortmund zumindest ordentlich fordern"
Im Prinzip hat der Sportdirektor mit dieser Aussage natürlich absolut recht und doch frage ich mich warum er sie getätigt hat.

Die Spiele in Leverkusen und gegen Hoffenheim haben Knäbels These bestätigt, man konnte beim Champions League Anwärter, wie gegen den Abstiegskandidaten mithalten und hätte bei etwas günstigerem Verlauf auch beide Spiele gewinnen können.
Hat man aber nicht.
Zweimal mehr wurde die Chance vertan sich frühzeitig aus dem Abstiegskampf zu verabschieden, die Chance sich eventuell sogar noch einmal nach oben orientieren zu können und es scheint so, als wäre die Vereinsführung darüber wenig amüsiert.

Knäbel betont was mit diesem (seinem) Kader möglich sei, scheint also mit den Voraussetzungen, die er geschaffen hat ganz zufrieden zu sein und man könnte diese Aussage sowohl als Forderungen in Richtung Trainer, als auch als Rechtfertigung auffassen. Vielleicht sollte man sie aber auch nicht zu hoch hängen, mir macht eh viel mehr Sorge, dass der HSV wie kaum ein anderer Verein auch dafür steht gegen jeden Gegner  verlieren zu können.

Ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn es jetzt nach Hannover geht, einem Verein, der mit der aktuellen Lage sportlich und vereinspolitisch überfordert zu sein scheint. Die Maßnahmen von Thomas Schaaf sorgen erst Kopfschütteln, um kurz darauf zu verpuffen und beim Testspiel ist es schon eine Meldung wert, wenn er wirklich am Spielfeldrand steht und die Nationalspieler kommen verletzt zurück.
Zusammengefasst ist Hannover bei aller Freundschaft ein Gegner den man nicht nur schlagen kann, sondern ein Gegner den man schlagen muss!
Und wieder einmal wird es spannend sein, wie die Mannschaft damit umgeht, bei den fünf möglichen Siegen hat Peter Knäbel das Spiel gegen 96 ganz bestimmt eingerechnet, aber das wird er mit Hoffenheim auch gemacht haben.

Im aktuellen HSVTalk hatte ich den Abteilungsleiter des Supporters Club Timo Horn zu Gast.
Auch wenn dabei der SC im Mittelpunkt stand, haben wir natürlich auch über das anstehende Spiel geredet. Aber hört selbst.